18.12.2017, 10:57 Uhr

Flüchtlinge und Integration

In der Realität angekommen - das Zusammenleben ist bunter, aber auch schwieriger geworden

Direkte Information aus erster Hand "anstelle Gerüchteküche": unter diesem Motto hatten die Grünen/Bürgerliste Freilassing zu ihrer Ortsversammlung Ende November Geflüchtete und auch in der Integrationsarbeit Tätige zu kurzen Berichten eingeladen, an die sich lebhafte Diskussionen anschlossen.

Anlass dieses Informationsabends , so der Ortsvorsitzende Kaspar Müller, sei die Sondersituation des Herbstes 2015, die sich nun zum zweiten Mal gejährt habe.

 

Frau Ute Lorenzl, bei den Maltesern als Organisatorin für das Ehrenamt zuständig , berichtete über die Funktionen der Hilfsorganisationen auf Kreisebene. Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Malteser  arbeiten mit dem Landratsamt eng und gut zusammen, auch wenn vieles "im Fluss" sei und viele Abläufe und bürokratische Prozesse aufgrund verschiedener Hintergründe ständigen Veränderungen unterworfen seien.

 

"Ehrenamtliche spielen in der Flüchtlingsarbeit eine besonders wichtige Rolle", erklärte Frau Lorenzl, man beobachte in deren Kreisen mit Sorge eine zunehmende Ermüdung und auch Frust, was man auch an den schrumpfenden Teilnehmerzahlen in den Helferkreisen ablesen kann. An die Stelle der anfänglichen Euphorie, helfen zu können sei vielfach eine Ernüchterung im alltäglichen Betrieb getreten. Man wäre in der Realität angekommen. Dieses betreffe sowohl die Helfenden als auch die Geflüchteten. Es sei auch klar geworden, dass die kulturellen Unterschiede eine große Herausforderung für beide Seiten darstellten, hier sei viel Aufklärungsarbeit gefordert. Schwierig sei die Situation bei den Sprachkursen, zu denen viele der nicht Anerkannten keinen Zugang haben, insbesondere wenn sie in kleinen Gemeinden untergebracht sind, weil Einrichtungen in anderen Orten mangels Fahrmöglichkeiten  kaum erreichbar sind.

 

Frau Lorenzl würdigte die gute Situation in Freilassing mit Sprachfahrplan und den Angeboten zum Spracherwerb. Sie gab zu bedenken, dass teilweise sogar noch die Schrift vermittelt werden müsse.

Zu den schwierigen bürokratischen Anerkennungsverfahren seien viele Termine bei Behörden und schwieriger Schriftverkehr erforderlich, so dass Flüchtlinge auf die Unterstützung durch meist ehrenamtliche Helfer stark angewiesen sind. Nicht einfach sei auch die finanzielle Situation der Geflüchteten, Fr. Lorenzl und Herr Ott betonten, "kein Flüchtling ist besser gestellt als ein Deutscher". Wenn Geflüchtete eine Arbeitserlaubnis erhalten und etwas verdienen, müssen sie rückwirkend erbrachte Unterkunftskosten zurückerstatten.

 

Dennoch gebe es auch positive Entwicklungen: 

Einen Hoffnungsschimmer am Horizont sieht Frau Lorenzl in den geflüchteten Frauen, die allmählich das traditionelle Rollenverständnis ihrer Heimat hinter sich lassen und sich in unsere europäisch/westliche Gesellschaft einbringen. Sie streben neben ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter anstelle einer Großfamilie mit Kinderreichtum an, in den Beruf einzusteigen und nehmen daher engagiert an Ausbildungs- und Förderungsmaßnahmen teil.

Eine besonders pfiffige Art der Integration bieten die Malteser in Berchtesgaden an. Nigerianerinnen bieten deutschen Frauen Nähkurse an und lernen selbst dabei die deutsche Sprache, Ängste werden abgebaut und andere Kulturen kennengelernt.  

Mit zweien seiner Schüler gekommen war Herr Karl Ott, Lehrer an der Berufsschule in Freilassing, der Einblicke in die Situation der jugendlichen Geflüchteten gab.

An der Berufsschule werden aktuell 135 Flüchtlinge (derzeit 50 in Fachklassen, 15 im BIJ(Berufsintegrationsjahr)-Handwerk bzw. BIJ-Soziales und  70 in den Berufsintegrationsklassen) unterrichtet.

Kerngedanke der zweijährigen Berufsintegrationsklassen für 16 bis 21-jährige Flüchtlinge ist das Erlernen der deutschen Sprache und die Aneignung von Kompetenzen, die für eine erfolgreiche Berufsausbildung und eine gelingende Integration erforderlich sind. Neben Deutsch werden vier weitere Lernbereiche unterrichtet: Bildungssystem und Berufswelt, Mathematik, Ethisches Handeln und Kommunikation sowie Sozialkunde. Im ersten Jahr haben die Flüchtlinge 5 Tage Unterricht in der Woche, im zweiten Jahr wöchentlich 3 Tage Unterricht und 2 Tage Praktikum. Ziel ist es, die jungen Menschen zu befähigen ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Herr Ott hob hervor, wie stark die Chancen der Geflüchteten von der individuell sehr unterschiedlichen Motivation abhängen. Als das A und O bezeichnete er das rasche Erlernen der der deutschen Sprache, um überhaupt im Schulunterricht folgen zu können. Der Übergang in den Beruf, die Begleitung und Förderung in den Fachklassen sowie die berufsspezifische Fachsprache bedeuten eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten. Fachkompetente Unterstützung durch qualifizierte Personen aus dem sozialen Umfeld sowie professionelle Maßnahmen zur psychischen Stabilisierung bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind notwendig, damit aus den Asylbewerbern und Flüchtlingen von heute Azubis und Fachkräfte von morgen werden.

 

Rostam Nuri, der zwei Jahre in Deutschland ist und der in der Schule nie gefehlt hat, spricht ein fast akzentfreies Deutsch. Er erheiterte die Versammlung mit seinem Bericht über den ersten Tag in seiner Friseurlehre. „Ich verstand nur Bahnhof und dachte, welche Sprache sprechen die den?“ Mittlerweile kommt er aber auch mit der bayrischen Sprache zurecht.  

 

Eine Umstellung bedeutet für Ihn, dass die Ausbildungsvergütung kaum mehr als die Unterstützung vorher beträgt, er jedoch für Fahrten zu den Ämtern keinen Zuschuss mehr erhält - diese Situation ist aber bei allen Azubis gleich, betont Ott.

 

Afzali Abdall Razeq  ist seit 5 Jahren im Berchtesgadener Land und arbeitet seit 4 Jahren im Freilassinger „Kontakt“  unter anderem engagiert er sich auch bei den Kochkursen.  Derzeit steht er vor der Prüfung zum Kfz-Mechaniker, wobei wegen der fehlenden Fachsprache die Berufschule für ihn sehr schwierig sei. Sein Arbeitgeber, ein Autohaus in Piding, würde den Afghanen sehr gern als Gesellen übernehmen und ihn damit eine gute Perspektive bieten.

Abdilahi Abdirahman kommt aus Somalia und erzählt von seiner zweijährigen Flucht über Ägypten, über das  Mittelmeer und entlang der Balkanroute nach Deutschland. Er macht ein Praktikum in der Bäckerei im Globus. Nach der Berufsschule besucht der junge Somalier noch zusätzlich einen Integrationskurs. Zudem engagiert er sich in der Freilassinger Fahrradwerkstätte, die von Eugen Tites ehrenamtlich geleitet wird.

Eugen Tites gehört zu den Ehrenamtlichen der ersten Stunde. Die Fahrradwerkstätte wurde von ihm aufgebaut und ermöglicht damit den Flüchtlingen eine Portion kostenloser Mobilität. Zusätzlich engagiert er sich in einer wöchentlichen Sportgruppe und betreut quasi nebenher noch eine  achtköpfige Familie.

„Ehrenamtliche, Menschen wie Eugen Tites halten alles aufrecht und gleichen so weit wie möglich aus, was von staatlicher Seite nicht oder nur unzureichend geleistet wird“, betonte Frau Lorenzl. Schwierig sind insbesondere der Schritt aus der Erstunterkunft in eine eigene Wohnung oder auch in eine Ausbildung, später aus einer schulischen Situation in den Arbeitsalltag. Bei all diesen spannenden Prozessen sind die Geflüchteten auf Hilfe gerade eben dieser Ehrenamtlichen angewiesen.

 

Abschliessend waren sich die zahlreichen Besucher einig, dass trotz der politischen Großwetterlage die Schutzsuchenden i  n Deutschland wie eben auch in unserer Heimatstadt nur mit großem Engagement und ebenso großem Herzen eine sichere Zukunft und auch Qualifikationen für eine eventuelle Rückkehr in ihre Heimat erreichen werden.

Von: Kaspar Müller

Kategorie: Freilassing